Willkommen Wolf in Niedersachsen!

AmVon Kristin und Florian Preusse

 

Seit Juli 2012 herrscht Gewissheit: Niedersachsen hat sein erstes Wolfsrudel und dies nur ca. 70 km entfernt von Gifhorn auf dem Truppenübungsplatz Munster. Die Aufnahmen aus einer Wildkamera bestätigten, was bereits Tage zuvor vermutete wurde, es handelt sich tatsächlich um Niedersachsens erstes Wolfsrudel bestehend aus einem Elternpaar und drei kleinen Wolfswelpen. Wer das Raum-Zeit-Verhalten junger Wölfen auf der Suche nach einem eigenen Revier kennt, dem wird schnell klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich der erste Wolf auch im Landkreis Gifhorn blicken lässt. Genau dies geschah im Herbst 2013, wo ein einzelner Wolf im Nordkreis mehrfach nachgewiesen werden konnte. Am 26.07.2017 wurde dann das erste Wolfsrudel im Landkreis Gifhorn, genauer auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände bei Ehra Lessien bestätigt.

 

Was aber bedeutet dies – darf man seine Kinder nun nicht mehr in der Dämmerung aus dem Hause lassen, wie es das Märchen vom Rotkäppchen vermuten lässt? Gibt es bald kein Wild mehr und reißen Wölfe tatsächlich Schafe? Es gibt viele Mythen, Vorurteile und Skepsis gegenüber dem Wolf. Was davon trifft aber tatsächlich zu und was gehört eher in den Bereich der Mythen und Märchen? All dies lässt sich klären, schaut man sich die Entwicklung der deutschen Wolfspopulation in Sachsen an, dem Bundesland mit einer bereits über zehnjährigen Erfahrung mit der Wiederkehr des Wolfes.

 

Eines vorweg: Der Wolf sollte weder verharmlost noch romantisiert werden. Auch sollte man keine unbegründeten Ängste schüren, oder vermeintliche Horrorszenarien aufbauen. All dies würde diesem einzigartigen Tier nicht gerecht werden. Betrachten wir ihn einfach als das was er ist: ein Stück Natur, welches - ausgerottet durch den Menschen - nach 150 Jahren wieder von ganz alleine einen Weg zurück in seine heimischen Gebiete gefunden hat.

 

Seit 2006 biete ich zusammen mit meiner Frau eine Exkursion für Studenten der Biologie der TU Braunschweig in die Oberlausitz, mitten ins Wolfsgebiet, an, wodurch wir die Entwicklung dort aufmerksam mitverfolgen konnten. Wie in jedem Gebiet, in dem der Wolf bei seiner natürlichen Ausbreitung in Richtung Westen auftaucht, gab es auch in Sachsen zunächst viele Vorbehalte gegenüber dem grauen Rückkehrer. Die unermüdliche Forschungs- und Aufklärungsarbeit vieler Naturschützer vor Ort und vor allem die Zeit relativierten viele der anfänglichen Ängste und ließen Ernüchterung einkehren. Im Hinblick auf den Wolf gibt es im Wesentlichen drei Konfliktfelder, die ich hier beleuchten möchte:

 

1. Wolf und Nutztiere

 

Wie bereits erwähnt, sollte der Wolf nicht verharmlost werden. Daher darf nicht verschwiegen werden, dass ungeschützte Schafe und andere Nutztiere tatsächlich nicht verschmäht werden. Der Nutztierhalten, dessen wirtschaftliche Existenz an seinen Tieren hängt, oder aber der Haustierhalter, dessen Herz an seinen Tieren hängt, wird nicht begeistert sein, wenn er eines morgens seine Tiere tot auf der Weide findet sollte. Hier wird schnell klar, dass der Wolf ein Raubtier ist, der ganz selbstverständlich Beutetiere nutzt, die ihm Dank der Weidehaltung des Menschen leicht zur Verfügung stehen und an der Flucht gehindert sind. Es gehört zur normalen Biologie des Wolfes, dass er in solchen Fällen wie der sprichwörtliche Fuchs im Hühnerstall auf Vorrat tötet, sofern er die Gelegenheit dazu bekommt. Bedauerlicherweise sind es aber erst solche Vorfälle, die die Anwesenheit eines Wolfes in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft erst in den Blick der Öffentlichkeit geraten lassen.

 

Hier zeigt Sachsen nun, wie es gehen kann. "Seit 2002 gibt es im Freistaat Sachsen immer wieder Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere. Bisher ist kein Trend zu erkennen, dass die Anzahl der Nutztierschäden in Relation zur wachsenden Wolfspopulation dauerhaft ansteigt. Mit der Etablierung von Wölfen in einem neuen Gebiet steigt die Anzahl der Übergriffe dort zunächst häufig an. Im Laufe der Zeit sinkt die Anzahl der Übergriffe jedoch meist, wenn sich die Tierhalter auf die neue Situation eingestellt haben." (Quelle siehe hier)
Wie ist dies möglich? Ganz einfach: Nutztiere lassen sich durch entsprechende Maßnahmen (spezielle Zäune, Herdenschutzhunde etc.) effektiv vor dem Wolf schützen und stehen so als Beute nicht mehr zur Verfügung. Hier wird aber auch deutlich, dass der Wolf auch ein Politikum ist. Nutztierhalter müssen, sofern sie ihre Tiere nachweislich geschützt haben, finanziell entschädigt werden. Auch die Anschaffung der entsprechenden Materialien muss gefördert werden. Dies zu tun ist vor allem eine gesellschaftliche Entscheidung und muss in einem sogenannten „Wolfsmangement-Plan“ durch das jeweilige Bundesland festgeschrieben werden. Dieses Konfliktfeld lässt sich also, wie das Beispiel Sachsen deutlich zeigt, entschärfen.

 

Weitere Informationen rund um den Herdenschutz erhalten Sie hier.

 

2. Wolf und Jagd

 

Man sollte sich im Klaren sein, dass wenn man über den Wolf diskutiert, man auch immer über die Jagd diskutiert. Dieses Zitat stammt von Reinhard Göpfert, Kreisnaturschutzbeauftragter und Jäger im Wolfsgebiet der Lausitz. Es gab viele Befürchtungen, als der Wolf in der Lausitz auftauchte. Es gab Stimmen die behaupteten, der Wolf würde das Wild ausrotten und es würde bald zu viele Wölfe geben, die man dann per Abschuss regulieren müsse. Leider gab es in den vergangenen Jahren bundesweit auch sieben illegale Abschüsse von Wölfen, wobei der oder die Täter in den wenigsten Fällen ermittelt werden konnten.

 

Ist es nun tatsächlich so, dass sich große Raubtiere wie etwa Wölfe unkontrolliert vermehren können? Hierzu muss man wissen, dass ein Wolfsrudel aus den beiden Elterntieren und den diesjährigen und letztjährigen Jungtieren besteht. Letztere wandern nach ca. zwei Jahren ab, so dass die Zahl an Wölfen in einem Gebiet stets konstant bleibt und es eine sogenannte „Überpopulation“ folglich nicht geben kann. Die Größe eines Wolfsrevieres wird hierbei maßgeblich durch die Zahl an Beutetieren bestimmt.

Rudelstruktur (Quelle: NABU)
Rudelstruktur (Quelle: NABU)

In Sachsen ist die Jagdstrecke - entgegen den Befürchtungen - nicht zurückgegangen, sie ist in den ersten Wolfsjahren sogar leicht angestiegen. Mittlerweile weiß man aufgrund der Untersuchung von über 3000 Wolfslosungen auch sehr genau, was zum Nahrungsspektrum des Wolfs in Deutschland gehört:

 

„Wie für Wolfsvorkommen in wildreichen Gebieten typisch, besteht die Hauptnahrung der Lausitzer Wölfe aus wild lebenden Huftieren, welche 94,9% der verzehrten Biomasse ausmachen und in 92,5% aller Losungen enthalten sind. Das Reh bildet dabei mit über 50% den Hauptnahrungsbestandteil, gefolgt von Rothirsch und Wildschwein.“

Nahrungszusammensetzung des Wolfes anhand von Losungsuntersuchungen
Nahrungszusammensetzung des Wolfes anhand von Losungsuntersuchungen

Zum Glück gibt es aber auch zahlreiche positive Stimmen und Jäger, die sich aktiv am Wolfsmonitoring beteiligen. Dies ist insofern bedeutsam, als dass eine Vielzahl von Wolfssichtungen von Jägern gemacht wird.

 

Der Wolf ist eine auf mehreren Rechtsebenen streng geschützte Art, die außer in Sachsen, nicht dem Jagdrecht, sondern dem Naturschutzrecht unterliegt. In Niedersachsen gibt es einen Kooperationsvertrag zwischen der Landesjägerschaft und dem Bundesland, welches die Jäger in eine besondere Verantwortung stellt, da sie derzeit alleinig für das Wolfsmonitoring verantwortlich sind. So stammt ein Großteil der offiziell vom NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) eingesetzten Wolfsbeauftragten aus den Kreisen der Jägerschaft. Dies zeigt, dass Jagd und Naturschutz keinen Gegensatz darstellen müssen und dass die Akzeptanz des Wolfes durch die Jäger von großer Bedeutung ist.

 

3. Wolf und Mensch

 

Der Wolf ist ein Tier, das bei fast allen Menschen Emotionen auslöst. Rund um den Wolf existieren viele Mythen und Märchen, was auf eine lange, gemeinsame Entwicklung von Wolf und Mensch zurückzuführen ist. Das soziale Wesen der Wölfe hat es dem Menschen überhaupt erst ermöglicht, Hunde als treue Weggefährten zu domestizieren.

 

Wölfe sind weder blutrünstige Bestien, wie es manch ein Gruselfilm glauben machen möchte, noch sind sie Kuscheltiere, wie es so mancher Wolfsromantiker gerne hätte. Wölfe sind Wildtiere und sollten auch als solche wahrgenommen und behandelt werden.

 

Welche Gefahren gehen nun aber tatsächlich von Wölfen aus? Ohne Frage hat ein Wolf das körperliche Potenzial, einem Menschen lebensgefährlich zu verletzen oder sogar zu töten. Weltweit gibt es aber nur wenige bestätige Fälle, in denen Menschen durch Wölfe zu Tode kamen. In diesen Fällen handelte es sich zumeist um tollwütige oder zu sehr an den Menschen habituierte (gewöhnte) Tiere. Die Gefahr, von einem Wildschwein getötet zu werden, ist hierzulande daher deutlich höher. Der Mensch gehört nicht zum natürlichen Beutespektrum des Wolfes und meidet den Kontakt zumeist. Gerade Jungwölfe können sich allerdings durchaus neugierig zeigen, wie die Erfahrungen von einzelnen Tieren des Munsteraner Rudels aus Niedersachsen gezeigt haben. Einen frei lebenden Wolf zu Gesicht zu bekommen ist selbst für die meisten Menschen, die seit Jahren im unmittelbaren Wolfsgebiet wohnen, eher eine Seltenheit.

Weitere Informationen und zum Verhalten bei einer Wolfssichtung gibt es hier.

 

Über funfzehn Jahre Wolf in Sachsen haben bestens gezeigt, dass der Wolf auch in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft wie Deutschland bestens zurechtkommt - wenn man ihn lässt. Es ist daher weniger eine Frage des geeigneten Lebensraumes, sondern vielmehr der gesellschaftlichen Akzeptanz, ob Wölfe in Deutschland wieder ein dauerhaftes Zuhause finden können.

 

Der NABU trägt durch die Aktion „Willkommen Wolf“ seit mehreren Jahren aktiv zur sachlichen Aufklärung bei. Diese Öffentlichkeitsarbeit wird in der Fläche durch uns „Wolfsbotschafter“ durchgeführt. Dies sind ehrenamtlich tätige Menschen, die in der Presse, in Schulen, bei Ausstellungen dazu beitragen ein sachliches, an den vorliegenden Fakten orientiertes Bild des Wolfes zu zeichnen und aktiv auf die Fragen und Sorgen der Bevölkerung einzugehen. Nur so lässt sich letzten Endes der Boden bereiten, um den grauen Heimkehrer wieder willkommen heißen zu können.

 

Falls Sie Fragen zum Wolf haben, Informationsmaterial benötigen, oder mehr über die Arbeit als Wolfsbotschafter erfahren möchten, dann wenden Sie sich an den NABU-Kreisverband Gifhorn (Ansprechpartner: Dipl.-Biol. Florian Preusse).

 

Was wir bieten können:

- Infomaterialien

- Infostände

- Fachvorträge

 

Internetlinks:

 

Umfangreiche Informationsseite des Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz

 

www.wolfsregion-lausitz.de/

 

Internetpräsenz des niedersächsischen Wolfsbüros:

 

http://www.der-wolf-in-niedersachsen.de/

 

aktuelle Nachweise in Niedersachsen:

 

https://www.wolfsmonitoring.com/

 

Projekt „Willkommen Wolf“ des NABU

 

www.nabu.de

 

Download der aktuellen Wolfsbroschüre "Willkommen Wolf"

 

NABU-Wolfsbotschafter in ihrer Region

 

 

Wolf auf Forstweg; © Heiko Anders
Wolf auf Forstweg; © Heiko Anders