Biber im Landkreis Gifhorn

von Klaus Borchert (Stand 09.04.2018)

Der Biber

Biber vor Röhre
Biber vor Röhre

Der Europäische Biber (Castor Fiber), früher im Volksmund auch "Meister Bockert" genannt, war ursprünglich fast in ganz Deutschland verbreitet. Die Bejagung des Bibers wegen seines sehr dichten Pelzes und des früher in der Medizin und Parfümindustrie verwendeten "Bibergeils", einem sehr aromatisch riechenden Drüsensekret, führten zu einem starken Rückgang der Biberpopulation europaweit. Hinzu kam der "Trick" der Kirche auf dem Konstanzer Konzil im Jahr 1414-18, den Biber aufgrund seines "fischähnlichen" Schwanzes zum Fisch zu erklären, so dass der Biber während der österlichen Fastenzeit vielfach auf dem Speiseplan stand. Einschließlich der Intensivierung der Landwirtschaft seit dem Mittelalter hatte dies zur Folge, dass bereits im 12. Jahrhundert der Biber in England und ab dem 16. Jahrhundert in Italien vollständig ausgerottet war. Die mit der industriellen Revolution einhergehenden Flussbegradigungen für die Schiffbarkeit und das Trockenlegen der Auenwälder für neue landwirtschaftliche Flächen trugen ihren Rest dazu bei. Im 18./19. Jahrhundert war der europäische Biberbestand soweit dezimiert, dass ein Aussterben des Bibers in West- und Mitteleuropa drohte. In wenigen Restpopulationen auf dem europäischen Kontinent konnte er überleben. Im deutschsprachigen Raum war dies Anfang des 20. Jahrhunderts ein kleiner Bestand von etwa 100 Tieren des Elbe-Bibers (Castor Fiber Albicus) südlich von Magdeburg. Dank der Anerkennung des Bibers als vom Aussterben bedrohte Art, der intensiven Bemühungen ehrenamtlicher Biberbetreuer und der Ausweisung von Naturschutz- und Biber-Schongebieten konnte seit den 1970er Jahren ein deutlicher Anstieg des Biberbestandes festgestellt werden. Heute (2017) leben in Deutschland wieder geschätzte 30.000 Biber. Er ist weiterhin streng geschützt und als "Schirmart" der Fauna-Flora-Habitate von wesentlicher Bedeutung für den gesetzlichen Naturschutz.

 

Biologie und Verhalten des Bibers

Der hauptsächlich nachtaktive Biber ist mit einer Körperlänge einschließlich Schwanz (Kelle) bis zu 1,30 m und einem Gewicht bis um 30 kg das größte Nagetier Europas. Er kann ein Alter von gut 10 Jahren erreichen. Männchen und Weibchen lassen sich äußerlich nicht unterscheiden. Charakteristisch für den Biber ist der bis zu 30 cm lange, abgeflachte und beschuppte Schwanz, die sogenannte "Kelle". Besonders erwähnenswert ist auch das dichte Fell des Bibers mit über 20.000 Haaren auf dem Quadratzentimeter. Der Mensch hat nur bis zu 300 Haare auf gleicher Fläche! Im Alter von zwei bis drei Jahren werden Biber geschlechtsreif. Sie bringen bis zu vier Junge zur Welt. Diese verbleiben bis zur Geburt und Aufzucht der folgenden Generation im Familienverband im Revier. Mit der Geschlechtsreife müssen die Jungbiber sich ein neues Revier suchen. Je nach Nahrungsangebot kann ein Revier eine Fließgewässerstrecke von ein bis drei km Länge umfassen. Über das ganze Revier sind mehrere Ausweichbaue und Sassen verteilt. Die halb im Wasser lebenden Biber sind reine Vegetarier. Im Sommer leben sie hauptsächlich von Wasser- und Uferpflanzen, weniger von Rinde und Zweigen. In Winter zählen vor allem die Rinde von Bäumen und Gebüschen, sowie dünnere Äste und Zweige zum Nahrungsangebot. Um an die nahrhafteren Zweige mit den Knospen in den Baumkronen heran zu kommen "fällt" der Biber mit seinen starken Nagezähnen diese Bäume beziehungsweise kappt kleinere Stämmchen und Äste.

 

Der Biber - ein Baumeister

Die Biber leben in unterirdischen Bauen, deren Zugang unterhalb der Wasserlinie liegt. Ist das Ufergelände hoch genug, legen die Biber reine Erdbaue an. Ihre 30 bis 50 cm starken Röhren können bis zu 10 m in das Gelände hineinführen. Die Wohnkessel haben einen Durchmesser von 100 bis 150 cm. Besonders zur Geburt des Nachwuchses werden diese Kessel mit Holzspänen ausgekleidet. Liegen diese Röhren oder Wohnkessel dicht unterhalb der Erdoberfläche, können die Decken nachsacken oder aufbrechen. Oft versuchen die Biber diese Schadstellen mit Ästen, Zweigen und Schlamm zu regulieren. Passiert dies über einem Wohnkessel, entstehen daraus die sogenannten, auffälligen Mittelbaue, die aus abgenagten, herangeschleppten Ästen und Zweigen bestehen. Aufgetragener Schlamm dichtet diese Baue ab. Sind die Gewässerufer zu flach, legen die Biber sofort solche Mittelbaue aus aufgeschichteten Hölzern an. Diese werden lange genutzt, repariert und immer wieder ausgebaut. Sie können gewöhnlich mehrere Meter Längen bei einer Höhe zwischen ein und zwei Meter haben. Neben den oft als Burgen bezeichneten Bauen sind die Biberdämme ein weiteres auffallendes Merkmal für das Vorhandensein des Bibers. Dämme werden angelegt, wenn die Wasserlinie zu niedrig ist oder in trockenen Zeiten zu flach wird, so dass die Eingänge zu den Bauen nicht mehr unter Wasser liegen. Mit dieser Regulierung des Wasserstandes gestalten die Biber unbewusst gleichzeitig ein ihnen angenehmes Umfeld mit reichlich Nahrungsangebot. Quasi als Landschaftsgestalter, die ihre Umwelt formen, sind die Biber im ganzen Tierreich einzigartig. Ihre Bauwerke, besonders die ausgeklügelt wirkenden Dämme, sind nicht nur faszinierend, sondern für den Naturhaushalt von unschätzbarem Wert. Dabei schaffen sie nebenbei neuen Lebensraum für viele andere Tier- und Pflanzenarten.

Mittelbau - Dannenbüttel
Mittelbau - Dannenbüttel
Mittelbau - Meinersen
Mittelbau - Meinersen
Damm - Hanum (© G. Blanke)
Damm - Hanum (© G. Blanke)

Die Rückkehr des Bibers in den Landkreis Gifhorn

Biberfamilie
Biberfamilie

Im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands, in denen Biber gezielt ausgesetzt und somit aktiv vom Menschen in die Population eingegriffen wurde, kehrten in unserem Raum zwischen Harz und Heide die Biber selbst über das Gewässersystem der Elbe in ihre alten Lebensräume zurück. Über die Ohre, die in die Elbe mündet, erreichte der Biber 1994 den Drömling und 2004 den Oberlauf der Ohre bei Brome. Da auch die Aller am Drömling vorbei fließt, war es für die Biber ein leichtes, in das Einzugsgebiet der Weser vorzudringen, welches sie sich jetzt nach und nach zurückerobern.

 

Bis Ende 2017 hat im Landkreis Gifhorn der Biber neben der Ohre und Kleine Aller auch Aller, Allerkanal und Oker durchgehend sowie verschiedene Einzugsbereiche anschließender Bäche und Gräben wieder besiedelt. In die Ise hinauf führten den Biber bislang wenige Stippvisiten. Für die Schunter gibt es nur im Mündungsbereich zur Oker wenige Bibernachweise.

 

 

 

Spaziergänger auf Wegen entlang der Gewässer oder auf Brücken über Bäche und Flüsse bekommen den Biber selbst kaum zu sehen. Zum einen ist er nachtaktiv und wenn tagsüber unterwegs, dann sehr aufmerksam und zurückhaltend. Meist bekommt man dann nur noch das laute, knallende Aufschlagen der Kelle auf die Wasseroberfläche mit, bevor er abtaucht. Das Aufschlagen dient den Familienmitgliedern als Hinweis auf Gefahr. Leichter zu finden und zu erkennen sind in der vegetationsarmen Zeit die verschiedenen Fraßspuren des Bibers an Bäumen, und Gebüschen. Besonders beeindruckend sind die sanduhrförmigen Fraßspuren an Bäumen, die schließlich beim nächsten stärkeren Wind kippen. Helle, abgenagte Zweige und Äste am Gewässerufer sind Hinweise auf Fraßplätze des Bibers.

 

 

Die Flussläufe von Oker, Aller und Ohre liegen alle in ausgewiesenen Naturschutzgebieten. Dort besteht ein ganzjähriges Betretungsverbot. Da die Biber die Nähe zu menschlichen Siedlungen jedoch nicht scheuen, sind ihre Fraßspuren an den Gewässern zum Beispiel in Brome (Ohresee) und Gifhorn (Aller am Schloßsee) oder von Brücken aus, wie in Meinersen oder Didderse, zu sehen beziehungsweise die Biber mit etwas Glück auch kurz zu beobachten.

 

 

 

Text: Klaus J. Borchert

 

Fotos: © Gerd Blanke & Klaus J. Borchert