Ursachen des Insektensterbens

Spricht man vom Insektensterben, so muss man zwei Aspekte voneinander unterscheiden. Zum einen den Rückgang der Artenvielfalt, was anhand der roten Listen ablesbar ist [2] und zum anderen die Abnahme an Biomasse bei Insekten. Letzteres wird etwas plakativ mittels der PKW-Windschutzscheibe veranschaulicht, welche vor 20 Jahren noch deutlich mehr toter Insekten nach einer Fahrtstrecke aufwies. Da Insekten einerseits die Grundlage vieler Nahrungsnetze darstellen und andererseits zahlreiche Ökosystemdienstleistungen (u.a. Bestäubung, Beseitigung von Kadavern, Schädlingsbekämpfung - siehe Abbildung) erbringen, muss hier nicht nur aus Natur- und Artenschutzgründen gegengesteuert werden.

Überblick über die von Insekten geleisteten Ökosystemdienstleistungen [3]
Überblick über die von Insekten geleisteten Ökosystemdienstleistungen [3]

Abbildung: Überblick über die von Insekten geleisteten Ökosystemdienstleistungen [3]

Bevor man sich aber mit Maßnahmen gegen das Insektensterben auseinandersetzt ist eine Betrachtung der Ursachen unabdingbar. Es gibt letztlich nicht die eine Ursache, sondern es handelt sich um das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die für das Insektensterben verantwortlich sind. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um eine nüchterne Ursache-Wirkungs-Analyse.

1. Nährstoffeinträge

Magere, also nährstoffarme Standorte sind wahre Hot-Spots der Artenvielfalt, da sich dort zahlreiche stark spezialisierte Pflanzen- und Tierarten ansiedeln, die mit diesen besonderen Verhältnissen gut zurechtkommen. Durch intensive Düngung und Einträge durch Abgase ist das Stickstoffangebot in der Umwelt stark gewachsen. Das führt zu einem Rückgang der Pflanzenvielfalt auf Wiesen und in anderen Habitaten, da sich in überdüngten Habitaten nur wenige Pflanzenarten, diese dann aber in hoher Zahl durchsetzen. Sie verdrängen die an Nährstoffarmut angepassten Spezialisten. Weniger Pflanzenvielfalt hat eine direkte Wirkung auf das Nahrungsangebot bestäubender und oftmals hoch spezialisierter Insekten.

© Eberhard Molkenthin


2. Pestizide

In Deutschland werden pro Jahr rund 48 000 Tonnen Pflanzenschutzmittel ausgebracht, davon 1000 Tonnen Insektizide und »Akarizide« gegen Milben. Besonders umstritten sind die so genannten Neonikotinoide, bei denen Studien ergeben haben, dass sie die Populationen von Wildbienen, Hummeln und Honigbienen negativ beeinflussen können. Letztlich wirken sich aber auch Herbizide und Fungizide aus, wobei es sich dabei nicht immer um tödliche Effekte (LD50-Tests) handeln muss, welche bei den Zulassungsverfahren primär untersucht werden. Das Zusammenwirken mehrerer Stoffe und auch von deren Metaboliten (Abbauprodukte) ist nicht immer hinreichend untersucht. Dies gilt auch für den Einsatz von Giften in Privatgärten.

© Arndt MüllerArndt Müller


3. Lebensraumveränderungen & Strukturarmut

Bereits seit mehr als 100 Jahren wird die Landwirtschaft in Deutschland und Europa zunehmend intensiviert. In jüngster Zeit ist der Bedarf hinzugekommen, für so genannte Biokraftstoffe und Biogasanlagen Agrarflächen zu nutzen, die früher teil brach lagen. Brachflächen sind zunehmend aus dem Landschaftsbild verschwunden. Das führt dazu, dass nach der »Flurbereinigung« der 1960er und 1970er Jahre auch heute fortgesetzt Feldflächen vergrößert werden und Strukturelemente verschwinden. Bedenkt man, dass annähernd 50% der Bundesfläche landwirtschaftlich genutzt sind wird deutlich, dass sich die Bewirtschaftung dieser Flächen unmittelbar auf die Artenvielfalt auswirkt.


4. Lebensraumzerschneidung & Flächenverbrauch

Durch Straßen und Siedlungen werden nicht nur Lebensräume zerstört, sondern auch Populationen von Insekten voneinander getrennt, was Thomas Schmitt im Februar 2018 in einer Veröffentlichung im Journal »Biological Conservation« als eine der Hauptursachen der Rückgänge bezeichnete. In Deutschland wird pro Tag mehr als ein Quadratkilometer Fläche bebaut, zwischen 1992 und 2015 verschwand eine Fläche von 93 mal 93 Kilometern unter Beton und Asphalt. Diese Ursachen wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig. Bisher gibt es keine stimmige und wirksame politische Strategie, die Ursachen zu bekämpfen.

© NABU


5. Lichtverschmutzung

"WissenschaftlerInnen vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben nachgewiesen, dass künstliche Beleuchtung in der Nähe von Gewässern die Zahl und Gemeinschaften von Insekten und Spinnen stark beeinflusst. Wie ein Staubsauger entziehen sie den benachbarten Ökosystemen fliegende Insekten. Profiteure sind räuberische Insekten und Spinnen, für die die vielen desorientierten Wasserinsekten ein Festmahl sind. [4]

 

Weltweit nimmt die Erhellung der Nacht durch künstliches Licht um jährlich etwa sechs Prozent zu. „[…] Die meisten Lebewesen haben sich an einen Hell-Dunkel-Rhythmus angepasst. Es liegt also nahe, dass eine künstlich erhellte Nacht einen maßgeblichen Einfluss auf das Vorkommen und Verhalten von Tieren hat. Insbesondere entlang von Gewässern, die die Heimat von vielen lichtempfindlichen Insekten sind“, erklärt Alessandro Manfrin, Wissenschaftler am IGB, die Ausgangslage.

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6. Klimawandel

Neben der Landnutzungsänderung könnte auch der Klimawandel beim Rückgang der Insekten eine Rolle spielen. Als  mögliche Folgen durch Veränderung der Temperatur und der Niederschläge im Jahresverlauf ist Folgendes denkbar - hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

  • Arealverschiebungen: Nahrungs- und  Habitatkonkurrenz durch Einwanderung wärmeliebender Arten, Lebensraumverlust durch Austrocknung bei feuchteliebenden Arten, Ausweichen der Arten in höher gelegene oder nördliche Regionen (führt zu Verinselung)
  • Desynchronisation: Nahrungsmangel durch zu frühen Schlupf, wenn Wirtspflanzen noch nicht vorhanden sind, oder Nahrungsmangel durch zu geringes Nektarangebot. Tod durch Kälteeinbruch.
  • Veränderte Nahrungsketten: Ausbreitung anderer Arten kann in bestimmten Arealen zu Nahrungskonkurrenz und veränderten Räuber-Beute-Verhältnissen führen.
  • Erkrankungen: Bedingungen für Parasiten, Schädlinge, Bakterien und Pilzkrankzeiten werden durch milde Winter und höhere Niederschläge im Sommer erhöht.

Öl-Raffinerie in Nordrhein-Westfalen © Ralf Vetterle (CCO creative commons license).


Quellen:

[2] M. Ries et al (2019): Analyse der bundesweiten roten Listen zum Rückgang der Insekten in Deutschland; Natur und Landschaft, 94. Jahrgang, Heft 6/7, S. 231

 

[3] B. Hansjürgens (2019): Zur ökonomischen Bedeutung der Insekten und ihrer Ökosystemdienstleistungen; Natur und Landschaft, 94. Jahrgang, Heft 6/7, S. 236-244

 

[4] Manfrin A. et al (2017): Artificial Light at Night Affects Organism Flux across Ecosystem Boundaries and Drives Community Structure in the Recipient Ecosystem. Front. Environ. Sci. 5:61. doi: 10.3389/fenvs.2017.00061