Keine Bekämpfung im Wald

NABU Position zum Eichenprozessionsspinner (EPS)

Der NABU Kreisverband Gifhorn spricht sich nicht generell gegen die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners aus. Da wo der Mensch gefährdet ist, kann ein gezielter Einsatz von chemischen Substanzen durchaus angebracht sein. In Wäldern aber liegt der Fall anders.

Eichenprozessionsspinner

Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) ist ein heimischer Nachtfalter aus der Familie der Zahnspinner (Notodontidae). Der ausgewachsene Falter (unauffällig grau, Flügelspannweite bis etwa 30 mm) fliegt zwischen Ende Juli und Anfang September. Bereits in der zweiten Nacht nach dem Hochzeitsflug (August) legen die Weibchen ca. 150 Eier. Je nach Temperaturverlauf schlüpfen die Raupen zwischen Anfang April und Anfang Mai aus dem Ei und durchlaufen fünf bis sechs Larvenstadien (L1 bis L6), die jeweils etwa 10 Tage dauern. Insgesamt können die Raupen bis zu 5 cm groß werden. Ab dem 3. Larvenstadium (je nach Wetter bereits ab Ende April/Anfang Mai) bilden sich die für den Menschen gesundheitsgefährdenden Brennhaare.

Von Jörg-Peter Wagner - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2184070
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Entwicklung

Die schwankenden Wetterbedingungen können einen großen Einfluss auf die Entwicklung des EPS haben. Besonders starke Populationen wurden beobachtet, wenn in den Frühjahrsmonaten mildes Wetter herrschte und die Bedingungen besonders während des Falterfluges und der Eiablage im Spätsommer gut waren (wenig Wind und Regen, viel Sonne). Eine wichtige Rolle spielen auch artbedingte zyklische Populationsentwicklungen (Gradation). So hat in Österreich das massenhafte Auftreten des EPS seit 2003 wieder deutlich nachgelassen (Maier 2013). Auch in Bayern sind die Populationen seit einem Höhepunkt in 2008 deutlich rückläufig. Verantwortlich gemacht werden dafür neben den Witterungsbedingungen und parasitären Gegenspielern auch artspezifische Faktoren (Lobinger 2013). Insgesamt gibt es zu diesen biologischen Dynamiken aber noch wenig Erfahrung, obwohl sie zur Abschätzung der aktuellen Entwicklung bedeutsam sein könnten.

Von Wusel007 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25243213
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Auswirkungen des Eichenprozessionsspinners

Neben möglichen forstlichen Schäden geht vom EPS in den befallenen Gebieten eine gesundheitliche Gefährdung für den Menschen aus. Ab dem dritten Larvenstadium bilden seine Raupen Brennhaare aus, die innen hohl sind und das Eiweißgift Thaumetopoein enthalten. Bei Hautkontakt lösen diese Haare (pseudo-)allergische Reaktionen aus, die zu Hautirritationen, Augenreizungen, Fieber, Schwin-del und in Einzelfällen sogar zu allergischen Schocks führen können. Beim Einatmen der feinen Härchen können zudem Atembeschwerden wie Bronchitis und Asthma auftreten. Leider gibt es bislang keine speziellen Medikamente gegen die Reaktion auf das Thaumetopoein, lediglich die Symptome können gelindert werden (etwa mit Antihistaminika und kortisonhaltigen Salben).

Lebensraum Eiche

Unsere Eichenwälder sind Natur- und Kulturerbe. So gehören sie zu unseren artenreichsten Waldlebensgemeinschaften. Gleichzeitig zeugen sie von der jahrhundertelange Nutzung durch den Menschen. Eichen sind die Pflanzen in Deutschland mit der höchsten Artenzahl an Schmetterlingsarten. 366 Schmetterlingsarten leben an Eichen, davon 288 Arten während der Anwendungszeit von Insektiziden gegen den EPS (April bis Juni). Im Raupenstadium sind davon 214 Arten direkt betroffen. Zusätzlich zu den Arten, die direkt auf Eichen als Nahrungsgrundlage oder Habitat angewiesen sind, kommt eine Vielzahl von Arten, die entsprechende Waldgesellschaften als Lebensraum nutzen. So gibt HACKER (2008) für lokale Untersuchungen in bayerische Naturwäldern neben mehr als 200 an Eichen gebundene Arten (bei 649 nachgewiesenen Arten an Laubgehölzen) weitere 1336 Arten an, die oligophag oder monophag an krautigen Pflanzen und Gräsern in den untersuchten Waldgesellschaften leben.

Bekämpfung

Bei der Bekämpfung müssen zunächst zwei Zielsetzungen unterschieden werden. Zum einen mögliche wirtschaftliche Schäden und zum anderen der Gesundheitsschutz. Im Rahmen der Positionierung konzentrieren sich der NABU Kreisverband zunächst auf den Gesundheitsschutz.

 

Gesundheitsschutz

  • Schutz der Bevölkerung
  • Schutz der im Wald arbeitenden Personen und mit der Weiterverarbeitung Beschäftigte
  • Einschränkung der Erholungsnutzung
  • Einschränkung des Betretungsrechtes in Wäldern

In Siedlungsbereichen, in denen durch den Eichenprozessionsspinner Probleme auftreten, ist nach Auffassung des NABU in erster Linie die mechanische Bekämpfung der chemischen vorzuziehen. In der Praxis hat sich hierbei das Absaugen und anschließende Verbrennen der Nester durch Fachfirmen als sicherste Methode bewährt, da hier die gefährlichen Raupenhärchen, welche auch nach dem Tod der Raupe noch jahrelang aktiv sind, vollständig entfernt werden.

 

Im Gegensatz zu den mechanischen Bekämpfungsmethoden gibt es mehrere chemische Mittel, die zur Bekämpfung des EPS eingesetzt werden. Diese wirken jedoch unterschiedlich selektiv und können bei einer flächigen Ausbringung zum Teil erhebliche Auswirkungen auf Nichtzielorganismen haben. Einzig das Mittel „Dippel ES“ auf Basis des Bakteriums „Bacillus thuringiensis“ wirkt nahezu ausschließlich bei Schmetterlingsraupen. Somit sind bei dessen Einsatz jedoch ein Großteil der an Eichen lebenden Falterarten betroffen (siehe oben). Die Stoffwechselprodukte des Bakteriums verbinden sich im Darmtrakt der Raupen, so dass diese nach 3 – 4 Tagen ihre Fraßtätigkeit einstellen.

 

Das Mittel kann jedoch nur in einem kurzen Zeitfenster (vor dem 3. Häutungsstadium des EPS) und bei trockener Witterung eingesetzt werden. Zudem liegt die Wirksamkeit selbst bei optimalen Bedingungen nur bei ca. 80%. Die Population des EPS kann sich bei günstigen Witerungsbedingungen schnell erholen, was regelmäßige, jährliche Wiederholungen derartiger Bekämpfungen zur Folge hat.

Fazit

Die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners ist ein komplexes Thema, dessen starke Vereinfachung in der medialen Darstellung und der zum Teil sehr emotional geführten öffentlichen Diskussion dringend versachlicht werden muss.

 

Dabei steht der Gesundheitsschutz der Bevölkerung im Vordergrund, eine Abwägung mit den betroffenen Naturgütern ist aber ebenso bedeutsam. So ist der Einfluss auf einen der artenreichsten Lebensräume bei flächigem Einsatz chemischer Bekämpfungsmittel nicht abschätzbar.

 

Der NABU Kreisverband lehnt daher die chemische Bekämpfung größerer Waldflächen aus der Luft ab. Im Siedlungsbereich und angrenzenden Waldarealen ist eine gestufte Vorgehensweise angebracht.

  1. Kennzeichnung befallener Bäume/Areale mittels Hinweisschildern
  2. Absperrung einzelner Bereiche
  3. Mechanische Bekämpfung durch Absaugungen im Siedlungsbereich
  4. In Notfällen und nach Einzelfallprüfung auch Einsatz  eines „sanften Insektizids“ („Dipel ES“).

Zur Versachlichung der Diskussion bedarf es zudem einer breiteren Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit.  Weiterhin sind die betroffenen Kommunen finanziell bei den mechanischen Bekämpfungen zu unterstützen.

Verwendete Literatur

Kleuske [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons
Kleuske [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons