Sinn und Unsinn von Blühstreifen

Im Zuge des Insektensterbens sprießt nun in Super- und Baumärkten das Angebot an Samentütchen und Blühmischen aus dem Boden. Es wir mit Begriffen wie „Bienenweide“ oder „Schmetterlingsschmaus“ geworben. Das Ganze beruht auf dem vermeintlich logischen Zusammenhang, dass eine bunte Blumenmischung mit einer Vielfalt an Insekten gleichzusetzen ist. Warum dies aber nicht zutreffend ist, der Einsatz dieser Mischungen sogar kontraproduktiv sein kann, wird im Folgenden aufgezeigt. Die Ausführungen beziehen sich auf die vielfach verkauften einjährigen Blühmischungen, deren Einsatz kritisch zu bewerten ist. Mehrjährige, standortangepasste Ansaaten hingegen können durchaus hilfreich sein. Diese zu etablieren setzt jedoch entsprechende Fachkenntnisse voraus.

Sinn und Unsinn von Ansaaten

„Bis vor einigen Jahren waren Ansaaten in der Landschaft mehrheitlich systematisch konzipiert und dienten kaum dem Schutz von Wildinsekten. Sie beschränkten sich entweder auf landwirtschaftliche „Wildäcker“ mit Fagopyrum esculentum (Buchweizen), Malva mauritiana (Mauretanischer Malve) und Phacelia tanacetifolia (Rainfarn-Phazelie), Zwischensaaten z. B. mit Weißem Senf (Sinapis alba) und Guizotia abyssinica (Ramtillkraut) oder auf Ansaaten zur Begrünung von Böschungen und Straßenrändern mit Regelsaatgutmischungen (RSM) (s. Kap. 3.3). Zusätzlich kamen hier und dort gut gemeinte Aufhübschungen von Straßenrändern und Verkehrsinseln hinzu (Abb. 18), die häufig durch die Kommunen initiiert wurden und Arten enthielten wie z. B. Eschscholzia californica (Kalifornischer Kappenmohn) in verschiedenen Farben (Abb. 25). Aus naturschutzfachlicher Sicht wirklich sinnvolle Ansaaten, die in erster Linie dem Arten- und Lebensraumschutz dienten, fanden seit jeher im Wesentlichen durch Biologische Stationen, aber auch durch einige wenige Naturschutzverbände statt und zielten auf die Wiederherstellung von artenreichem Grünland ab (z. B. CHMELA 2011, MÜLLER 2019). In jedem Fall, ob ökologisch sinnvoll oder nicht, wurde die Maßnahme dokumentiert, beschränkte sich auf definierte Flächen und die Anzahl ausgebrachter Arten war übersichtlich.

 

Durch den aktuellen Trend wird die Landschaft nun jedoch völlig willkürlich angereichert. Vom Einzelkämpfer bis zur Kindergruppe von Naturschutzverbänden werden unkontrolliert Seed Bombs geworfen oder Guerilla Gardening-Aktionen durchgeführt, mit den besten Absichten, jedoch ohne ausreichende Arten- und Ortskenntnisse. Sei es die Baumscheibe vor der Haustür, der zu steril wirkende Steingarten des Nachbarn (im Sinne des in Mode gekommenen pflanzenlosen Gartens), die Industriebrache oder auch der Waldsaum und die Bachaue im Naturschutzgebiet. Alles wird wild begärtnert – im festen Glauben, etwas Gutes für „die Natur“ und für „die Bienen“ zu tun. Was jedoch an der Baumscheibe oder in Nachbars Garten lediglich eine Verschwendung von Zeit, Ressourcen und Geld ist, dabei aber weitgehend ohne Konsequenzen bleibt, da die Arten dort schnell wieder verschwinden, kann sich an naturnahen Standorten möglicherweise durchaus negativ auswirken. Gerade im städtischen Raum existiert eine Reihe von Lebensräumen, die bereits sehr wertvoll und artenreich sind, allerdings für den Laien eher karg und leblos anmuten. Das beste Beispiel sind die botanisch und zoologisch gut untersuchten Brachen und Ruderalflächen mit ihren zahllosen Arten der Roten Listen, die hier einen Ersatzstandort für ihre zerstörten Lebens-räume in der Kulturlandschaft finden (z. B. JAGEL & GAUSMANN 2010, BUCH & KEIL 2013). Es ist aktuell noch völlig unklar, wie sich Ansaaten auf solche Lebensräume auswirken. Klar scheint jedoch: Die wünschenswerteste Variante dürfte die sein, dass sie keinen Effekt haben und auf dem Extremstandort nicht lange überdauern.

 

Ebenfalls stellen sich Fragen zur Herkunft, zum Anbau und zur Gewinnung des Saatgutes, zumindest bei konventionellen Samentüten aus dem Baumarkt. Da es sich nicht um Lebensmittel handelt, herrscht kaum Kennzeichnungspflicht über verwendete Pflanzen-schutzmittel, etwa vergleichbar mit der Produktion von Schnittblumen. Sicher ist jedoch, dass auch hierfür landwirtschaftliche Fläche benötigt wird, Wasser und Maschinen eingesetzt, Transportwege zurückgelegt werden und Verpackungsmüll entsteht. Aspekte, die insbesondere Naturschutzgruppen bei derartigen Aktionen zumindest mit bedenken müssen.“ [5]

Das Problem der einjährigen Blühmischungen

„Die nicht heimischen, einjährigen Blühmischungen liefern Futter allenfalls für Alleskönner wie Honigbienen und Hummeln. Erst recht nicht gibt es kein Futterangebot für seltene und gefährdete Wildbienen oder gar die Raupen unserer Schmetterlinge. Wildbienenspezialisten wie Paul Westrich warnen inzwischen eben aus diesem Grunde vehement davor: Gerade die seltenen, die gefährdeten Arten, die Nahrungsspezialisten unter unseren Insekten gehen leer aus. Sie würden nur auf heimischen Blühmischungen fündig. Noch etwas macht exotische Ansaaten ökologisch wertloser. Sie bleiben selten über den Winter stehen, es fallen also ganze ökologische Funktionskreise aus: Winterverstecke für Eier und Puppen, Vogelfutter – all das sind kostenlose Leistungen von heimischen Wildblumensäumen, die erst im Frühjahr gemäht werden. Gelegentlich werden die exotischen Blühmischungen frech unter dem Modebegriff Biodiversität vermarktet. Das ist mehr als missbräuchlich und missverständlich.“ [6]

Ein- und mehrjährige Blühmischungen im Vergleich [6]
Ein- und mehrjährige Blühmischungen im Vergleich [6]
Samentütchen - Nicht immer hält der Inhalt das, was er verspricht.
Samentütchen - Nicht immer hält der Inhalt das, was er verspricht.

Typischer, einjähriger Blühstreifen entlang eines Maisfeldes
Typischer, einjähriger Blühstreifen entlang eines Maisfeldes

Alternativen zu Blühstreifen

Als Alternativen zur unbedachten Samenaussaat in der Landschaft werden hier folgende Maßnahmenpakete vorgeschlagen [5]:

 

  • Wiesen zunächst extensivieren: zweischürige Mahd von Glatthaferwiesen im Juni und Spätsommer, Abtransport und Verwertung des Mahdgutes, keine oder höchstens geringe Düngung.
  • Bei ausbleibendem Erfolg hinsichtlich des anvisierten Blütenreichtums Anreicherung mit Regiosaatgut nach Anleitung, alternativ Mahdgutübertragung oder Anreicherung mit Heudrusch aus der Region.
  • Bei einer Ansaat Arten wählen, die dem Naturraum und dem Standort angepasst sind: ggf. Literaturrecherche und eigene Kombinationen zusammenstellen, die von den Standardlisten der Regiosaatgutanbieter abweichen (vgl. BUCH 2019). Einjährige Akzeptanzarten wie Klatsch-Mohn und Kornblume sind in der Wiese nicht nötig.
  • Wichtig: Dokumentation der Maßnahme, v. a. der verwendeten Arten, anschließend möglichst Monitoring.
  • Langfristige naturschutzkonforme Pflege solcher Flächen sichern, z. B. durch entsprechende Pachtverträge, Flächenerwerb, Ausgleichsflächen etc.
  • Bei Obstwiesen: Grünland und Säume bei der Einrichtung, Entwicklung und Pflege stärker berücksichtigen.
  • Umweltbildung und Information: Geduld einfordern! Informieren, dass es bis zum Erfolg einige Jahre dauert, dieser aber nachhaltig ist (vgl. UNTERLADSTETTER 2017, 2019, Abb. 31).
  • Säume und Randstreifen schaffen, Grünlandsäume einmal jährlich im Spätsommer mähen oder alternierend alle zwei Jahre, sodass ein Teil über den Winter stehen bleibt.
  • Grünlandsäume nicht mulchen, sondern abräumen!
  • Erhalt von arten- und blütenreichen urbanen Standorten wie Brachflächen und Friedhöfen.

Wegraine statt einjähriger Blühstreifen

Quelle: NLWKN
Quelle: NLWKN

Fazit

„Die Ansaat von „Bienenweiden“ aus dem Baumarkt ist jedenfalls keine Lösung des Problems. Sie dient höchstens der Beruhigung des ökologischen Gewissens, bedient kommerzielle Interessen und lenkt von politisch unbequemen Entscheidungen ab (v. a. beim Umdenken im Bereich der industrialisierten Landwirtschaft und Massentierhaltung). Die wirklich gravierenden Probleme des Naturschutzes werden somit überdeckt und die Bevölkerung durch blinden Aktionismus beschäftigt. Zugespitzt formuliert wird eine grundfalsche Wahrnehmung von Natur und Artenschutz in die Öffentlichkeit transportiert.

 

Dabei bietet sich aber gerade eine einmalige Chance, die bereits vorhandene Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft sinnvoll zu lenken und Projekte mit neuen Mitstreitern und neu entstehenden finanziellen Fördermöglichkeiten aufzutun. Während die Industrie und die Politik jedoch schnell aufgesattelt haben, müssen nun sowohl die Wissenschaft als auch der Naturschutz dringend öffentlich wirksam nachziehen und ihr Wissen, die langjährige Erfahrung und die bereits vorhandenen Ressourcen nutzen. Dies geht nur durch die Zusammen-arbeit von Wissenschaft, professionellem und ehrenamtlichem Naturschutz, Behörden und aufgeschlossenen Vertretern der Landwirtschaft.“ [5]

Quellen

[5] C. BUCH. A. JAGEL (2019): Schmetterlingswiese, Bienenschmaus und Hummelmagnet – Insekten-rettung aus der Samentüte? Veröffentlichung Bochumer botanischer Verein, 11(2), S. 9-24

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[6] R. Witt (2013): Einjährige Blühmischung oder dauerhafte Wildblumenwiese? Nachhaltig oder nicht?; Natur und Garten; S. 4-9

 

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2013_03_einjaehrige_dauerhafte_Wildblume
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