Käfer, Spinnen, Asseln, Schnecken und Co.

Naturschutzfachliche Potenziale zum Schutz der regionalen Biodiversität bei der Produktion von nachwachsenden Rohstoffen in Agrarräumen

Im September 2011 beendete André Deter seine mehr als zweijährigen Untersuchungen im Mitteldeutschen Trockenlössgebiet in Bad Lauchstädt bei Halle/Saale (Sachsen-Anhalt). Er untersuchte speziell Laufkäfer- und Webspinnenarten bzw. andere Tiergruppen, welche er in Bodenfallen von April bis Dezember 2009 gefangen hat. Der 39-jährige Ver- und Entsorger für Wasserversorgung, Wassermeister mit ADA-Schein und Naturschützer absolvierte sein Studium im Bernburg/Saale (Sachsen-Anhalt) mit einer vergleichenden Studie auf Agrarparzellen mit Wintergerste/Winterraps, Wiese, Riesen-Chinaschilf, Korb-Weide und Schwarz-Pappel, erklärt er. In diesem Zusammenhang hebt Herr Deter hervor, dass der angewandte Natur- und Umweltschutz nicht nur auf bspw. Landschafts- und Naturschutzgebiete, Nationalparks und Biosphärenreservate begrenzt werden sollte. Er sieht ebenfalls ein großes naturschutzfachliches Potenzial außerhalb dieser Areale in z. B. Agrarbereichen, Auen/Fließgewässern bzw. Forste/Wälder mit Eichen und Buchen.

 

Dauerhafte Siedlungsmöglichkeiten sind für die biologische Vielfalt in den landwirtschaftlichen Bereichen nur durch den Anbau unterschiedlicher Kulturpflanzen mit verschiedenen Stoff- und Energiekreisläufen möglich. Der großflächige und dauerhafte Anbau einzelner Fruchtarten fördert nur einseitig angepasste Tierarten und hemmt die komplexe Artenvielfalt. Deshalb müssen sehr unterschiedliche Siedlungsmöglichkeiten geschaffen werden, um die Biodiversität in diesen Ökosystemen nachhaltig zu schützen, meint André Deter mit seinen naturschutzfachlichen Handlungsempfehlungen für Agrarhabitate vom Sommer 2011.

 

In der Fruchtfolge Wintergerste/Winterraps (Gersteaufwuchs, Ernte, Strohstoppel, Schwarzbrache und Rapsaufwuchs) mit Bodenbearbeitungen, Düngungen bzw. Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sind hinsichtlich der monatlichen Auswertung der Tierarten/Biodiversität teilweise sehr starke Beeinträchtigungen nachzuweisen. In Bezug zum gesamten Anbau- bzw. Kalenderjahr ist diese Fruchtfolge für die ausgewertete Biodiversität als naturschutzfachlich wertvoll einzuschätzen, weil auf einer Fläche sehr unterschiedliche Lebensbedingungen für die Tiere geschaffen werden. Die Auswirkungen von Pflanzenschutzmittel sind nur sehr selektiv und nicht breitenwirksam mit kurzer Anwendungsdauer. Standorttypische Fruchtfolgen mit naturschutzfachlichen Bereicherungen wie z. B. Ausweitung der Fruchtfolge mit Untersaaten bzw. Zwischenfrüchte, Feldraine, Sommer- und Wintersaaten bzw. Erhöhung des jährlich angebauten Fruchtartenspektrums (gleichzeitiger Anbau von Nahrungs-, Futter- und Energiepflanzen) gewährleisten, dass weitgehend keine extremen Konkurrenzen der Tiere in saisonalen Nahrungs-, Ruhe- und Fortpflanzungsbereichen bestehen.

 

Durch die sehr unterschiedlichen Grünlandareale und verschiedenen Bewirtschaftungen der Flächen sind Verallgemeinerungen über Grünflächennutzungen sehr schwierig voraussagbar und müssen besonders unter den standörtlichen Gegebenheiten (Klima, Arten, Biotope, Relief, Landwirtschaft, Politik, Gesellschaft usw.) betrachtet werden. Gut entwickelte Mähwiesen sind durch eine optimal gestaltete Feldschicht mit verschieden großen Gräsern, Kräutern, Moosen, Flechten, Pilzen und jungen Strauch- und Baumschösslingen gekennzeichnet. In diesen kleinflächigen Strukturen können vielfältige Arten räumlich und zeitlich eigene Lebensbereiche nutzen. Für den Schutz von frühblühenden Pflanzen ist die 1. Mahd nach dem Austrag der Samen im Juni bzw. Juli sinnvoll. Spätblüher werden durch eine zeitige 1. Mahd ca. im Mai gefördert. Aushagerungen durch z. B. Abtrag von Biomasse oder Reduzierung der Düngung sind nützlich, wenn nährstoffärmere Grünländer weiterentwickelt werden. Naturschutzfachlich bedeutsam sind auch Streifen-, Flächen- und Staffelmahd, mit denen Einzelbereiche genutzt bzw. Rückzugsräume für Tiere geschont werden. Eine Mahdhöhe von ca. 10 cm und mehr vom Erdboden entfernt schont kleinwüchsige Pflanzen, Rosettenpflanzen und bodennah lebende Tiere. Je nach den einzelnen, gebietstypischen Nutzungsvarianten sind auch 3schürige Wiesen, Mähweiden, Saumbildungen, Mulchungen und Regulierungen des Wasserhaushaltes im Boden gute Optionen des naturschutzfachlichen Grünlandmanagements.

 

Der verstärkte Anbau von Riesen-Chinaschilf ist auf landwirtschaftlichen Teilflächen zu unterstützen, wenn nicht der Schutz von Laufkäfern im Vordergrund steht. Zusätzliche Beeinträchtigungen sind durch das großflächige, monotone Landschaftsbild im Herbst zu erwarten. Eine Begrenzung der Nutzfläche ist deshalb im gesamten Agrarraum notwendig. Die jährliche Winterernte mit einer Erntemenge von bis zu 25 Tonnen Trockenmasse pro Hektar ab dem 3. Bestandsjahr der Pflanzen bei optimalen Wachstumsbedingungen untermauert auch die naturschutzfachliche Bedeutung dieser Biomasse als regenerative Energiequelle. Eine Etablierung von schmalen, blühenden Gräser- bzw. Kräuterstreifen an Randlagen der Schilffläche, die nicht oder nur wenig in Konkurrenz zur Schilfpflanze stehen, ist zu begrüßen.

Mehrnutzungskonzepte in Form von Baumreihen mit Unterwuchs durch Gräser, Kräuter, Sträucher, und Baumschösslinge im Kurzumtrieb (Plantagen, Agroforstkulturen) sind geeignete Möglichkeiten für die zusätzliche Aufwertung von Agrarhabitate, da Extensivierungen in Bodenbearbeitungen, Pflanzenschutzmaßnahmen und unterschiedliche Erntemengen bzw. -termine nachzuweisen sind. Durch eine langjährige Umtriebszeit der Bäume von ca. 10 Jahren bis zur Winterernte werden im Gegensatz zu jährlich geernteten Energiepflanzen dauerhafte Biotopstrukturen aufgebaut, welche sich jährlich und saisonal angepasst entwickeln können (Blattbildung, diverse Unterwüchse, Höhenwachstum, Bodenstrukturen). Eine strukturreichere Ausprägung von Mehrnutzungskonzepten mit heckenähnlichen Strukturen und je nach Zweck auch mit lichteren Baumreihen kann das Landschaftsbild aufwerten und ggf. auch in ein Naherholungskonzept mit naturschutzfachlicher Wissensvermittlung integriert werden. Das jährlich gleichzeitig angebaute Fruchtartenspektrum im Agrarraum wird somit naturschutzfachlich aufgewertet.