Im Sommer 2003 begann der NABU Kreisverband Gifhorn mit einem Großsäuger-Beweidungsprojekt mit rückgezüchteten Auerochsen und Konikponys im NSG Großes Moor. Zuerst erfolgte der Bau einer ca. 3 km langen Einzäunung einer 30 ha großen Hochmoorfläche, welche in nord-südlicher Richtung ca. 1 km lang ist. In Ost-Westrichtung ist die Einzäunung zwischen 250 und 400 m breit. Die Weide ist durch einen Mittelzaun in zwei etwa gleich große Hälften unterteilt.
Auf der südlichen Weide befanden sich von Juli bis November 2003 zehn Mutterkühe des Rinderzüchters M. Orenz aus Transvaal, der den NABU seitdem in Fragen der Rinderhaltung berät. Anfang August 2003 wurden sechs Rinder des NABU auf die nördliche Weidehälfte gebracht, im November folgten drei Konikponys. Eine erste Vegetationserfassung und Fotodokumentation erfolgte, um Ausgangsdaten für die Beurteilung der weiteren Vegetationsentwicklung zu erlangen.
Mittagspause
Im Winter 2003/2004 wurde in geringer Mengen Heu zugefüttert, dass von Wiesen aus dem NSG Großes Moor stammt. Fachleute aus anderen Beweidungsprojekten hatten eine Zufütterung dringend empfohlen, um die Tiere nicht hungern und Schaden nehmen zu lassen. Die Futtermenge betrug pro ausgewachsenem Tier und Jahr zwei Rundballen (entsprechend 1,5 - 2 kg Heu/Tier/Tag) üblich sind sonst bis zu fünf Rundballen pro Tier. Zusätzlich wurden ca. 20 kg Äpfel und Futterrüben je Tier/Jahr verfüttert, um die Bindung der Tiere zu der Betreuungsperson aufzubauen und um die Tiere zur Blutabnahme in den Fangstand zu locken. Die Futtergaben erfolgten auf einer Teilfläche der nördlichen Weidehälfte, die Grünlandcharakter und keine moortypischen Pflanzen aufweist. Da die Rinder vornehmlich auch dort koten, ist ein Nährstoffeintrag in sensiblere Moorbereiche nicht zu befürchten. Ein Verbiss von Binse, Birke und Weide, insbesondere bei geschlossener Schneedecke, konnte nachgewiesen werden.
Im Februar 2004 fand eine Besichtigung des Beweidungsprojektes mit dem zuständigen Kreisveterinär statt, der das Projektkonzept und die Einrichtungen guthieß.
Kraniche benötigen
für die Jungenaufzucht offene Weidelandschaften
Im Jahr 2004 wurden die Tiere zuerst auf der gesamten Weidefläche gehalten, dann abwechselnd auf den beiden Weidehälften, wodurch entsiegelte Flächen Zeit bekommen, eine neue Vegetation zu bilden. Im Jahresverlauf wurden vier Kälber, davon ein Bullenkalb sowie ein Hengstfohlen geboren, die Anzahl der Tiere erhöhte sich von neun auf 14.
Betreten Verboten!
Auerochsen verteidigen ihre Kälber
Im Winter 2004/2005 wurde mit der gleichen Menge Heu wie im Winter davor zugefüttert, insgesamt ca. 20 kleine Rundballen. Die Futtermenge sank durch die größere Tierzahl auf ca. 1,5 kg Heu/Tier/Tag. Der Verbiss der Gehölze nahm erkennbar zu, es wurden bis fingerdicke Äste verbissen. Im Februar 2005 wurde auf der Weidefläche ein ca. 20 ha großer Jungbirken- und Pfeifengrasbestand mit der Naturschutzbehörde kontrolliert abgebrannt, um ergänzend zur Beweidung den Gehölzaufwuchs einzudämmen.
Eine bundesweite Beweidungstagung von NABU-Großsäugerprojekten fand auf Einladung des Kreisverbandes Gifhorn in Leiferde statt. Dabei wurde die Gründung einer Bundesarbeitsgemeinschaft geplant. Bei einer Exkursion ins Große Moor wurde der innovative Charakter unseres Beweidungsprojektes begrüßt, es gab aber auch Zweifel an der Realisierbarkeit hinsichtlich Futter-, Nährstoff- und Spurenelementversorgung. Eine sorgfältige Projektbegleitung, um Mängel rechtzeitig feststellen zu können, wurde allgemein als ausreichend erachtet.
Im Jahr 2005 wurden vier Kälber, davon drei Bullen sowie ein Stutenfohlen geboren, die Anzahl der Tiere erhöhte sich von 14 auf 19. Die Tiere wurden abwechselnd auf beiden Weidehälften gehalten, was dazu geführt hat, dass sich alle Vegetationslücken wie Trittpfade oder winterliche Futterplätze immer wieder schließen konnten. Eine Ausnahme bilden die Bereiche der Tränken und einige Suhlen, welche die Tiere zur Körperpflege aufsuchen.
Auerochsenherde im
Großen Moor
Konikponys im Galopp
Eine weitere Vegetations- und Vegetationstypenerfassung erfolgte im Sommer 2005. Die Fotodokumentation wurde um Luftbilder ergänzt, die dem NABU von einem Segelsportclub zur Verfügung gestellt werden. Die Analyse der Vegetationsaufnahmen ergab, dass sich lediglich an einer Tränke und an dem Winterfütterungsplatz kleinräumig eine Vegetationsveränderung ergeben hat. Hier breitet sich das Honiggras Holcus sp. aus, das auch sonst am östlichen Rand der Fläche gefunden wird, sowie Knötericharten (Polygonum) wie Wasserpfeffer, die zu den Ackerkräutern gehören.
Im Verlauf des Jahres 2005 wurden bei mehreren Arbeitseinsätzen manuell, mit Astschere und Bügelsäge, übermannshohe Birken auf der Weidefläche und in den Pütten zurückgeschnitten. Westlich der Rinderweide wurde eine Erweiterungsfläche von Birken freigestellt. Diese Arbeiten sollen im Winter 2005/2006 mit dem Fällen der Birken am südlichen Rand der Weide abgeschlossen werden. Eine angrenzende Erweiterungsfläche von 12,5 ha wurde dem NABU zur Verfügung gestellt. Die Einzäunung der Erweiterungsfläche soll je nach Witterung bis Sommer 2006 erfolgen.
Im November fand in Köthen/Sachsen Anhalt die zweite Beweidungstagung von NABU-Großsäugerprojekten statt, an der auch kooperierende Projekte teilnahmen. Es wurde die Gründung eines Arbeitskreises „Weidelandschaften und Neue Wildnis“ beschlossen. Zweck des bundesweiten NABU-Arbeitskreises ist die Förderung der extensiven Beweidung zur Erhaltung wertvoller Kulturlandschaften, der Schaffung großräumiger "Naturnaher Weidelandschaften" und der Naturentwicklung mit großen Pflanzenfressern in Form der "Neuen Wildnis". Hierbei wird die Herbivorie (Beweidung mit Pflanzenfressern) als ein ökologischer Schlüsselprozess verstanden, der kontinuierlich von der Naturlandschaft über die Hutelandschaft bis zur bäuerlichen Kulturlandschaft die typische Artenvielfalt mitteleuropäischer Ökosysteme erhalten, das Landschaftsbild geprägt und die natürliche Dynamik gefördert hat.
NABU-Arbeitskreises „Weidelandschaften und Neue Wildnis“, links kniend: Vorsitzender
M. Steven, links stehend: J. Drees
Dazu sollen die fachlichen Grundlagen erweitert, die gesellschaftliche Unterstützung erhöht und die Kernkompetenz des NABU in der praktischen Umsetzung ausgebaut werden. Mit dem Leitbild einer „Neuen Wildnis“ setzt sich der NABU bewusst von der konventionellen Tierhaltung ab, bei der die Tiere i.d.R. eine Weide nicht mehr betreten. Der Arbeitskreis kritisiert zudem die herrschende Praxis der Ohrmarken und die jährliche Blutabnahme, unter der die Tiere leiden.
„Binse“ ohne...
... und mit Ohrmarke
Im Winter 2005/2006 wurde erstmals Futter aus eigener Heuernte von einer Hochmoorwiese des Landes Niedersachsen eingesetzt. Die Futtermenge soll die Gesamtmenge der Vorjahre möglichst wiederum nicht übersteigen, was aber von der Witterung abhängt.
Für 2006 ist der Ankauf je eines Zuchtbullen und –hengstes geplant, um Zuchtlinien aufzubauen. Die Tiere werden dann während der Paarungszeit in zwei Herden geteilt. Die Finanzierung soll möglichst über Fördermittel erfolgen.
Hengstkampf in der
Paarungszeit
Einen entscheidenden Beitrag zur Projektfinanzierung haben auch zahlreiche Tierpaten geleistet, denen unser besonderer Dank gilt. Für einen Betrag von 100,- bis 200,- EUR kann ein Tierpate das Projekt ein Jahr lang unterstützen. Dafür erhalten die Paten neben einer Urkunde Fotos ihrer Paten-Tiere und können kostenlos an den Wanderungen im NSG teilnehmen, die der NABU zweimal jährlich anbietet. Infos zu den Tier-Patenschaften erhalten Sie unter Tel. 05373 4361 beim Kreisverband. Dort können Sie auch Termine zur Auswahl eines Paten-Tieres vereinbaren.
„Bruno“ sucht einen
Paten
Eine weitere Möglichkeit, das Beweidungsprojekt zu unterstützen ist der Erwerb eines Fotokalenders, der im Herbst 2006 verfügbar sein soll. Der Kalender mit Farbdrucken der Auerochsen und Konikponys wird im Format DIN A4 voraussichtlich 20,- EUR kosten, im Format DIN A3 je 30,- EUR. Der Erlös kommt dem Beweidungsprojekt zu Gute. Bestellungen richten Sie bitte an den Kreisverband.
J. Drees (Dipl. Biologe)